Hallo Marcel.
Schön, dass Du Dir die Zeit nimmst, um uns ein wenig in Deinen Astro-Alltag, bzw. besser in Deine Astronächte mitzunehmen.
Deine Bilder kennen bestimmt einige und Du bist ja auch nicht gerade unbekannt.
Aber dennoch: Stell‘ Dich doch bitte kurz mal vor.

Als kleines Vorwort, bevor ich mit meiner Vorstellung beginne, möchte ich gerne noch was loswerden:
Die Zeit für dieses Interview nehme ich mir sehr gerne, weil ich die Arbeit, die hinter dem gesamten Projekt „sternenhimmel-fotografieren.de“ steckt, immens schätze. Meine Hochachtung vor den aufwändig produzierten und stets hervorragend recherchierten Inhalten. Ich denke, in einer Zeit, in der Content immer austauschbarer wird und immer häufiger nur fantasie- und teils wissenslos abgepinselt wird, sind gerade solide Projekte wie diese von besonderem Wert. Chapeau und danke!

Marcel Drechsler - AstrofotografNun aber zu meiner Wenigkeit:
Hallo, mein Name ist Marcel, mit angeborenem Nachnamen Drechsler und ich bin Jahrgang 1982; ein besonders gelungener Jahrgang, wenn Sie mich fragen 😉 .
Meinen Unterhalt verdiene ich als freiberuflicher Werbegrafiker mit einem unübersehbaren Drang zur Astronomie.
Mein Büro, ein Gärtchen zum Entspannen und meine kleine Sternwarte stehen in Bärenstein, einem kleinen Dorf weit oben im Erzgebirge auf etwa 800 ü.n.N.. Hier in Bärenstein sind die Winter rau und die Sommer meist ebenso. Aber wenn der Himmel doch einmal klar wird, dann werde ich mit einem tollen Blick auf die helle Milchstraße belohnt.

Seit wann betreibst Du Fotografie? Kannst Du Dich noch an Dein erstes Foto erinnern? Und an Deine erste Kamera?

Durch meine Selbstständigkeit als Grafiker in der Werbung ist eine Leidenschaft für Fotografie und das damit verbundene Auge für Ästhetik unerlässlich. Ich fotografiere seit meiner frühen Jugendzeit, hauptsächlich digital. Wann ich mit dem Fotografieren genau angefangen habe, kann ich heute gar nicht mehr genau sagen. Ich weiß nur noch, dass mir ein Freund zu jener Zeit seine digitale Spiegelreflexkamera auslieh und ich damit den ganzen Tag wie von Sinnen Aufnahmen geschossen habe. Damit ging es im Grunde los. Jetzt, wo ich intensiver darüber nachdenke, waren einige der ersten Aufnahmen sogar bereits Astroaufnahmen. Auch wenn es sich dabei mehr um Sternbilder und Strichspuren handelte – aber immerhin.

Und seit wann Astrofotografie? Was war Dein erstes Astrofoto?

Die erste Kamera hielt ich schon mit 12 an das Okular meines Teleskops und auch die DSLR habe ich ziemlich zeitig gen Nachthimmel gerichtet, aber damals wusste ich noch nicht, was ich tat – dementsprechend waren die Ergebnisse. Und ich werde mich hüten, diese hier zu zeigen.
Mit der Astrofotografie habe ich „ordentlich“ erst im Jahr 2015 begonnen. Anfangs noch mit kleiner Technik und meiner alten Spiegelreflexkamera am Teleskop. Später kamen größere Teleskope und die ersten für die Astrofotografie modifizierten Spiegelreflexkameras dazu. Nach und nach wuchs das Equipment, 2016 erfolgte der Bau der eigenen Sternwarte. Vorbei waren die Zeiten, als ich mit der ganzen Technik bei manchmal eisigen Temperaturen raus aufs Feld fahren musste, um einen dunklen Fleck für meine Aufnahmen zu finden. Eine Sternwarte erleichtert den Arbeitsablauf ungemein, denn das zeitraubende Einrichten der Technik vor Ort entfällt und man kann sich voll und ganz den Aufnahmen widmen.

Weil das immer alle wissen wollen: Dein aktuelles Equipment?

Diese Frage ist angenehm fix beantwortet: Teleskope in der Sternwarte Bärenstein

  • Teleskop: 620mm Celestron RASA F2.2 Astrograph
  • Montierung: Celestron CGEpro
  • Kamera: ASI1600mmc
  • Guiding: MGEN
  • Filter: Baader 2“ Highspeed Schmalband Filter H-a, OIII und SII, Baader 2“ LRGB Filter

 
 

Es gibt viele Arten von Teleskopen. Am weitesten verbreitet sind Newton-Spiegelteleskope und APO-Linsenoptiken. Wieso hast du Dich für die spezielle Form des Schmidt-Cassegrains, dem RASA-Astrografen entschieden?

Die Frage wird einfach beantwortet. An meinem Standort in Bärenstein habe ich einen relativ guten Himmel, im Durchschnitt Bortle 3*. Die Wetterbedingungen sind jedoch extrem schlecht: Ich bekomme oft monatelang keinen klaren Himmel. Mein Rekord war ein halbes Jahr ohne eine einzige klare Nacht. Ich brauchte eine schnelle** Optik und eine gute Kamera, um die wenigen klaren Nächte optimal nutzen zu können. Ein solches Öffnungsverhältnis kann mit einem großen Refraktor nicht erreicht werden, deshalb habe ich mich für den RASA entschieden. Dieses Gerät ist offen gesagt nicht einfach im Handling, aber wenn man es einmal beherrscht, dann macht es einfach nur Spaß!

*Auf einer Skala von 1 bis 10 steht Bortle 3 für einen recht geringen Grad der Lichtverschmutzung, der in Deutschland leider recht selten ist.
**schnell bedeutet in der Fotografie lichtstark.

 
Und von welchem Equipment träumst Du?

Hmmm… ich hoffe, das kommt aufrichtig rüber, aber ich bin mit meinem Setup sehr zufrieden. Ich habe lange gespart und mir das (hoffentlich) beste zugelegt, das für das Budget möglich war. Außerdem hat es beinahe ein Jahr gedauert, bis ich das Setup und die oftmals eigenwillige Technik im Griff hatte. Ich bin, was Technik angeht, ein sehr treues Individuum. Mancher könnte es auch „die Faulheit sich in etwas Neues reinzufuxen“ nennen, ich allerdings nenne es „never touch a running system“.
Wenn ich von etwas mehr als nur sehnsüchtig träume, dann sind es klare Nächte, denn damit bin ich alles andere als gesegnet. Heute, da wir dieses Interview führen, sind bereits 4,5 Monate ohne eine einzige klare Nacht vergangen (außer 2 klare Nächte genau zu Vollmond, aber das zählt nicht). Das frustriert natürlich sehr und lässt einen ab und an mal am Hobby zweifeln. Aber die nächste klare Nacht kommt irgendwann, dann geht es beschwingt weiter!

 
Wie bist Du zur Astrofotografie gekommen?
Was hat Dich inspiriert oder auf die Idee gebracht, in die Weite der Nacht zu fotografieren?

Auf die Gefahr hin, dass ich gleich feierlich den Nerd-Button in Gold verliehen bekomme… Star Trek war schuld!
Seit die ersten Abenteuer der Enterprise über den Bildschirm flimmerten, hat mich die Liebe zum Kosmos nicht mehr losgelassen.

Sorry, dass ich Dich da gleich unterbreche: Aber Du warst mit dieser Erfahrung gewiss nicht der Einzige. Den Nerd-Award sollst Du dennoch erhalten.

Neben meiner künstlerischen Tätigkeit habe ich mich aber auch der Wissenschaft verschrieben. Ich liebe die Astronomie und die Kosmologie. Seit meiner Kindheit war ich vom Kosmos fasziniert. Ich fragte mich, wie das Universum entstand, wie es funktioniert und wie es sich entwickeln wird.
Ich kaufte mein erstes Teleskop, als ich 12 oder 13 Jahre alt war. Ich musste lange Zeit Geld sparen und habe dafür sogar in den Sommerferien im Betrieb meiner Eltern gearbeitet. Es war nichts Besonderes, um genau zu sein, es war sogar nur ein billiges Refraktorteleskop mit viel Kunststoff. Aber ich war ein blutiger Anfänger und ich war neugierig.
Der erste Blick durch das Teleskop war sehr beeindruckend. Wenn ich mich recht erinnere, war es der Planet Mars, den ich zuerst beobachtete. Es war ein erhabenes Gefühl, an das ich mich bis heute sehr gut erinnere.

 
Was treibt Dich heute an? Was gibt Dir die Astrofotografie?

Meine große Leidenschaft in der Astronomie, neben der Fotografie, ist die Entdeckung von bisher unbekannten kosmischen Objekten. Ich bin ständig auf der Suche nach unentdeckten planetarischen Nebeln, Galaxien und Reflexionsnebeln. Bei meiner Auswahl an Objekten stehen ungewöhnliche Objekte ganz oben auf meiner Liste. Durch meine Recherchen und die Suche nach neuen Objekten habe ich im September 2018 sogar einen neuen Reflexionsnebel im Sternbild Camelopardalis entdeckt.
Was mich in der Astrofotografie besonders antreibt, ist Objekte abzulichten, wie es vorher nur selten oder noch nie jemandem zuvor gelang. Mein Ansporn ist, Objekte extrem tief zu belichten, was bedeutet, dass ich oft 30 Stunden und mehr an Belichtungszeit in ein Foto investiere. Ich möchte den Sternenfreunden Einblicke fernab der „Paradeobjekte“ bieten und Neulingen zeigen, dass es sich lohnt, die Kamera auch abseits der üblichen Objekte zu richten, denn dort warten noch wahre Schätze darauf, entdeckt und fotografiert zu werden.

 
Was sind für Dich die größten Herausforderungen bei der Astrofotografie?

LBN 552 im Sternbild KepheusDie größte Herausforderung in der Astrofotografie ist es, die Geduld aufzubringen, kosmische Objekte über viele Nächte hinweg zu belichten, um so dutzende Stunden an Belichtungszeit zu sammeln und jedes Photon aus einem fernen Nebel herauszukitzeln. Sich Nacht für Nacht auf freiem Feld, auf der Terrasse oder in der Sternwarte um die Ohren zu schlagen, während Otto Normal gemütlich in seinem Bett liegt, um dann am nächsten Morgen trotzdem mit dicken Augen zur Arbeit zu fahren. Astrofotografie heißt aber auch, lange Durststrecken von teils Wochen bis Monaten ohne eine klare Nacht zu überstehen, ohne die Freude am Hobby zu verlieren und dabei auch noch viel Geld für nötiges Equipment auszugeben und deshalb auf den einen oder anderen Urlaub zu verzichten. Und all diese Strapazen für im Durchschnitt eine einzige Aufnahme pro Monat, in der manchmal bis zu 70 Stunden Gesamtarbeit stecken können.

Schwierigkeiten sind in der Astrofotografie beinahe an der Tagesordnung.

Es vergeht nur selten eine Nacht, in der nicht irgendetwas schiefgeht. Die angekündigte klare Nacht aus der Wetter-App entpuppt sich als Reinfall und es ziehen dicke Wolken auf. Oder die Technik fällt just im falschen Moment aus und man versucht mitten in der Nacht das Problem zu beheben, ohne dass der Geduldsfaden reißt. Hat man dann aber trotz aller Widrigkeiten eine klare, dunkle und wolkenlose Nacht ohne Mond erwischt, wird man dafür mit wunderbaren Aufnahmen belohnt.
LDN1250 im Sternbild StierNatürlich ist der technische Aspekt in der Astrofotografie ein ebenso wichtiger Teil.
Die Größe des Daumennagels der ausgestreckten Hand gen Himmel gerichtet entspricht in etwa dem Sichtfeld meines Teleskops. Es gilt diesen kleinen Bereich die ganze Nacht über mit Teleskop und Kamera zu verfolgen und die Rotation der Erde exakt auszugleichen, da sonst bei diesen Langzeitbelichtungen keine punktförmigen Sterne, sondern nur langgezogene Striche zu sehen wären. Je nach Genauigkeit der Justage ist es möglich, einen kleinen Stern mit nur ein bis zwei Pixeln Abweichung die ganze Nacht über die zu verfolgen.
Bricht der Morgen schließlich an, fährt der Astrofotograf das Teleskop ein, wartet bis zum Abend, richtet das Teleskop erneut auf das Objekt aus und beginnt eine neue Aufnahmenacht. Immer wieder, Nacht für Nacht, bis die gewünschte Tiefe der Belichtung erreicht ist, oder man das Maximum erreicht hat. Anschließend beginnt der nicht minder aufwändige Prozess der Bildbearbeitung.

 
Wo fotografierst Du am liebsten? Hast Du Lieblingsorte?
Oder fotografierst Du von zuhause aus, da es ausreichend dunkel ist?

Der Größe und Immobilität meiner Gerätschaften geschuldet, bin ich mit meinen Deep Sky Aufnahmen an meine Sternwarte gebunden. Ein mobiles Setup habe ich nicht, weil mir die Kosten dafür zu hoch waren, als dass ich stets nur eines der beiden Setups nutzen kann.
Ich kann also ruhigen Gewissens sagen, dass mir meine Sternwarte in Bärenstein mein Liebstes ist.

 
Gibt es einen Ort oder mehrere, zu denen Du gerne für die Astrofotografie reisen würdest?

Ganz ehrlich – nein. Für mich bedeutet Astrofotografie, mit eigenen Mitteln und dem heimischen Standort die besten Ergebnisse rausholen zu können. Ich habe einmal testweise Daten einer Remote-Sternwarte* bearbeitet, aber irgendwie fühlten sich diese Daten fremd an. Als wären es nicht meine. Vielleicht wäre es etwas anderes, persönlich an einen dunklen Ort in den Süden zu reisen, aber momentan möchte ich lieber den Erzgebirgischen Nachthimmel weiter erkunden und mir nicht mit dem perfekten Himmel in Namibia den Appetit auf das miese Seeing in Deutschland verderben.
*Man kann Beobachtungs- oder Fotografiezeit an ferngesteuerten („remote) Teleskopen rund um die Erde mieten

 
Nachts fotografieren – Lieber allein oder mit Freunden? Und warum?

Ui, eine schwere Frage. Wenn ich allein bin, wünsche ich mir Gesellschaft, wenn ich Gesellschaft habe, wünsche ich mir, ich wäre allein. Gesellschaft und Freunde wollen immer unterhalten werden und ein Männergehirn ist nunmal nur dazu in der Lage, eine Sache richtig zu machen. Die meisten schweren Unfälle mit der Technik in der Sternwarte hatte ich in Gesellschaft. Mehr muss man dazu wohl nicht sagen. Ich bevorzuge momentan lieber zwei Sachen: Den Nachthimmel für die innere Ruhe und Netflix gegen die quälende Langeweile.

 
Ich kenne ausschließlich Deep-Sky-Aufnahmen von Dir; überwiegende Darstellungen verschiedenartiger nebliger Gebilde.
Reizen Dich auch andere Teilbereiche der Nachtfotografie?

Mein oberstes Credo lautet: „Mache eine Sache – die aber richtig“.

Bei meinen Fotos lege ich besonders großen Wert auf eine sehr tiefe Belichtung. Es gibt keine Schnellschüsse oder kurz belichtete Objekte für mich. Ein Bild wird so lange wie möglich belichtet. Jedes Ziel wird sorgfältig ausgewählt, geplant und im Voraus über Tage und Wochen untersucht. Eine perfekte Position des Objekts auf dem Foto ist das oberste Ziel.

HFG1 und Abell6 im Sternbild KassiopeiaNatürlich macht es Spaß, neben kosmischen Nebeln auch Planeten, ferne Galaxien oder auch die Sonne zu fotografieren. Auch Widefield-Aufnahmen der Milchstraße finde ich persönlich atemberaubend. Aber für jede Objektgruppe benötigt man jedoch eine spezielle Ausrüstung und auch Kenntnisse, was besonders für den ambitionierten Anfänger häufig zu Verwirrung führt. Mit ein und demselben Teleskop oder Objektiv lassen sich nicht gleichzeitig kleine Galaxien oder riesige ausgedehnte kosmische Nebel fotografieren. Eine Kamera, die für Deep Sky optimiert ist, scheitert unter Umständen bei ordentlichen Aufnahmen von Planeten. Auch für gute Aufnahmen der Sonne (H-alpha-Aufnahmen der Oberfläche) benötigt man ein spezielles System. Aus diesem Grund habe ich mich aufgrund der vorgegebenen 620 mm Brennweite meines Teleskop ausschließlich auf (nahes) Deep Sky spezialisiert. Das heißt, große Galaxien, HII Gebiete, Sternhaufen sowie Reflexions- und Dunkelnebel.

 
Was war für Dich Dein größter Erfolg?
An welchen Moment erinnerst Du Dich? Und was hat Dich echt stolz gemacht?

Sh2-132 im Sternbild KepheusIch würde sagen, man wächst mit seinen Arbeiten. Ich erinnere mich gern an den einen oder anderen Erfolg zurück und jeder tolle Moment ist einzigartig auf seiner eigenen Stufe meiner Entwicklung. Mein erster Forumsbeitrag mit vielen netten Kommentaren und natürlich auch der konstruktiven Kritik, aus dem tiefe Freundschaften zu Astrokollegen hervorgingen, die bis heute halten, gehört wohl zu meinen wichtigsten Erinnerungen. Ich bin stolz auf meine Freunde und natürlich auch auf deren Entwicklung, die ich über die vielen Jahre hinweg begleiten durfte. Ich bin stolz auf den Respekt von Kollegen und auf die Wertschätzung meiner Arbeiten über den Kreis der Astrofotografie hinaus.

Natürlich sind mir einzigartige Ereignisse der letzten Jahre auch besonders in Erinnerung geblieben – der erste Vortrag vor einem Publikum, das erste Bild des Tages auf einer bekannten Astrofotografie-Plattform, die Veröffentlichung eines meiner Fotos durch die NASA, der erste Zeitungsbericht oder Fernsehbeitrag und natürlich meine Nominierung zum „Astrophotographer of the year 2018“ der königlichen Sternwarte in London.

 
Und was war Deine größte Niederlage bzw. Dein größter Misserfolg?

Für einen ganz kurzen Augenblick wollte ich sagen: „Das gibt es nicht“, aber das wäre eine schamlose Lüge gewesen. Misserfolge und Niederlagen sind wichtig und gehören zur Astrofotografie einfach dazu, denn nur daraus lernen wir.
Allerdings bin ich nicht stolz auf Fehler und Schäden, die aus Dummheit oder mangelnder Überlegung resultieren, denn diese sind vermeidbar und kosten nur unnötig Nerven, Zeit und Geld. Aber auch solche Misserfolge passieren…

Vermutlich möchtest Du, dass ich ein wenig aus dem Nähtäschchen plaudere… also bitte:
Als ich noch keine Astrokameras besaß, habe ich ausschließlich mit digitalen Spiegelreflexkameras fotografiert. Benutzt habe ich ich immer die ausgemusterten DSLR aus meiner Firma. Kam ein neues Model rein, bekam die Sternwarte neue Technik. Irgendwann besaßen die Sternwarte und die Medienfirma drei baugleiche Canon EOS 5D II.
Bei einer der Kameras wurde der IR Sperrfilter entfernt, so dass diese besser für kosmische Nebel geeignet ist. Die zweite Kamera verblieb im Geschäft und die dritte wurde durch sogenanntes „Debayern“ zu einer Schwarz-Weiß-Kamera (kurz Mono). Die Kameras leisteten gute Dienste, bis ich plante, die schwarz-weiß-Kamera zugunsten einer Astrokamera zu verkaufen. Damit nahm das Unglück seinen Lauf. Für wie unwahrscheinlich man das auch halten kann, mit dem Verkauf der Kamera bekam die Mono ein extrem unansehnliches Bandingmuster, hervorgerufen durch einen Fehler auf der Platine. Ich war pragmatisch und dachte: „Hey du hast ja noch zwei Kameras.“
Denkste! Die Platine aus Sternwarten-Kamera 2 ausgebaut und in die Mono transplantiert. Super, eine Kamera geopfert, aber den Käufer nicht verprellt. Jetzt blieb nur noch eine Kamera übrig, die zur neuen modifizierten Astrokamera werden sollte. Und wie sollte es anders sein, auch diese Kamera gab binnen einiger Wochen nach dem Umbau wegen eines Platinenfehlers den Geist auf. Somit habe ich innerhalb kurzer Zeit eine Kamera erfolgreich verkauft und zwei Stück vernichtet. Mahlzeit!

 
Zwei Schlussfragen:

Hast Du ein Lieblings-Astrofoto?
Würdest Du sagen, dass Dein Lieblingsfoto auch Dein bestes Foto ist?
Oder magst Du es besonders gerne, da es Dich an etwas erinnert? Hast Du vielleicht eine besondere Geschichte dazu?

Finns NebelDas Foto, mit dem ich die meisten Emotionen verbinde, ist zweifelsfrei „Finns Nebel“. Dieses Objekt habe ich nach wochenlanger Recherche in den Aufnahmen automatischer Sky Surveys entdeckt, denn „Finns Nebel“ war ein bis Dato völlig unbekannter Reflexionsnebel im Sternbild Giraffe. Nach der Fotografie des Nebels mit über 35 Stunden Gesamtbelichtung habe ich alles über das Objekt recherchiert und herausgefunden, was möglich war. Sogar ein semiwissenschaftliches Dossier habe ich verfasst, damit ich den Nebel auch zur Registrierung einreichen konnte. Die reine Arbeitszeit ist nicht mehr in Tagen zu bemessen, vielmehr in Monaten. Als krönender Abschluss dieser Odyssee durfte ich den Reflexionsnebel schließlich benennen. Zum Geburtstag und zu Ehren meines kleinen Neffen veröffentlichte ich „Finns Nebel“ schließlich am 25. November 2018.

 
Was würdest Du Anfängern mitgeben? Dein wichtigster Tipp?

Mein erster und vielleicht auch wichtigster Rat für den Einstieg in die Astrofotografie: Wählt Euer Equipment mit Sorgfalt aus. Überlegt Euch gut, was Ihr am Nachthimmel aufnehmen möchtet – Planeten, Nebel, Galaxien, Mond oder die Sonne. Es gibt kein Setup, das alles kann! Eine große Brennweite ist nicht das Nonplusultra! Beginnt mit kleineren Brennweiten und steigert Euch ggf. im Laufe der Jahre, wenn ihr die Grundlagen beherrscht. Bleibt geduldig, auch wenn es Rückschläge gibt, denn die werden nicht ausbleiben.
Wenn Ihr Rat benötigt, sucht Euch einen Ansprechpartner, dessen Aufnahmen Euch besonders gut gefallen und bleibt bei Eurem „Mentor“, auch wenn es schwer fällt. Anfragen in Foren oder auf Facebook führen meist zu vielen konträren Meinungen und Ansätzen, was eher zu Verwirrung führt. Ganz nach dem Motto: „frage zehn Leute und du erhältst elf Antworten“. Natürlich wird jeder Gefragte sein Setup, seine Software oder Arbeitsweisen empfehlen. Mit der Zeit werdet Ihr Eure eigenen Herangehensweisen entwickeln und dankbar darüber sein, nicht auf jeden Rat gehört zu haben.
Versucht auch eigene Lösungen zu finden! Natürlich verführt es, speziell in unserer medialen Welt, jede Frage zu googeln. Aber ein eigener Lösungsansatz bringt wesentlich mehr, weil dadurch die Zusammenhänge besser verinnerlicht werden.

Blickt auch über den Tellerrand hinaus.

Bleibt in jedem Falle am Ball und lernt so viel wie möglich über das Thema. Blickt auch über den Tellerrand hinaus. Beschäftigt Euch mit der Astronomie als Ganzes und fotografiert nicht nur stupide die Objekte, weil die so schön farbenfroh sind, ohne zu wissen, was Ihr eigentlich aufnehmt. Analysiert Eure Fotos ordentlich und verzeichnet alle Objekte darin, Ihr werdet erstaunt sein, wie vielseitig der Kosmos ist.
Mein dritter Rat an die Neulinge ist eine gute Planung, bevor Ihr Euch an die Belichtung macht. Findet die beste Position des Objekts im Bild (Thema Goldener Schnitt). Eine simple Rotation der Kamera am Teleskop kann oftmals wahre Wunder wirken! Macht Euch schlau darüber, welche Belichtungszeiten für Euer Ziel am geeignetsten sind und führt ggf. eine Testbelichtung durch. Ihr investiert viele Stunden an Belichtungszeit, da sollte genug Zeit für eine gute Planung drin sein. Denkt daran: Ist das Objekt erstmal fotografiert, ist keine Korrektur mehr möglich und Ihr wollt doch stets das beste Ergebnis mit Euren Mitteln erreichen.

Aus ganz persönlicher Sicht möchte ich Euch noch einen letzten Rat mit auf den Weg geben:
Seid anderen Kollegen gegenüber immer hilfsbereit, bleibt bescheiden und demütig, auch wenn Euch der „große Wurf“ gelungen ist. Bleibt Kritik gegenüber stets aufgeschlossen und hört nie auf zu lernen. Betreibt die Astrofotografie für Euch selbst, nicht der Likes und Abos wegen und schon gar nicht wegen Ruhm und Anerkennung. Bleibt euch selbst und dem Hobby treu und genießt das, was Ihr tut.


Was für ein schönes Schlusswort! Dein Vorschlag: „Blickt auch über den Tellerrand hinaus!“ ist ja mit das Motto dieser Interviewserie: „Der Blick über den Milchstraßenrand“.
Lieber Marcel, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Ich bin überzeugt, dass Deine ausführlichen Antworten für viele ausgesprochen interessant sein werden und nicht nur mich faszinieren.

 
 

Zuletzt…

Liebe Gäste,
gerne würde ich Euch noch länger auf der Seite halten und vorschlagen weitere spannende Artikel von mir zu lesen. Allerdings muss ich sagen, dass sowohl die Website von Marcel als auch sein Instagram-Account definitiv einen Besuch wert sind. Schaut vorbei unter:

Website der Sternwarte
Instagram-Account

Ich hoffe, dass dieses Interview für Euch genauso interessant und spannend war wie für mich.
Weitere werden folgen.

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Alle Bilder, die innerhalb dieses Interviews gezeigt werden, unterliegen dem copyright und wurden zur Verfügung gestellt von Marcel Drechsler/Sternwarte Bärenstein.

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