Anzeige

Das Sternbild Eidechse ist relativ unbekannt. Es gehört nicht in den Reigen klassischer antiker Sternbilder, kann nicht mit auffällig hellen Sternen oder einem einprägsamen Muster glänzen und bietet auch darüber hinaus auf den ersten Blick keine Besonderheiten, die es lohnen würden, dort einen Stopp einzulegen. Gerade auch, weil es umgeben ist von weiteren reichen Sternbildern, wie dem Schwan, einer der meistbesuchten Regionen des Sternenhimmels oder dem Kepheus, dem heimlichen Star des Herbsthimmels.

Doch wie so oft findet sich das Besondere erst bei näherer Betrachtung (bzw. längerer Belichtungszeit). Wie bei einer Reise auf dem Erdboden, lohnt es sich auch am Nachthimmel abseits der touristischen Hotspots zu suchen, um die unbekannten Schätze zu entdecken.

Dieser Artikel soll einen Einblick in dieses Sternbild liefern. Von der Entstehung über ein paar astronomische Hintergründe hin zur Vorstellung lohnenswerter Deep-Sky-Objekte und konkreten Hinweisen, diese zu fotografieren.

Zum Aufbau dieses Berichts:

 

1. Entstehungsgeschichte
Wie die Eidechse an den Himmel kam und beinahe ein Wassermolch geworden wäre

2. Die Eidechse finden, beobachten und fotografieren
Wie findet man das Sternbild am Himmel?

3. Objekte im Sternbild Eidechse
Sternhaufen
Nebelgebiete

4. Freundliches Schlusswort

Entstehung

Ungefähr die Hälfte unserer 88 Sternbilder besteht so oder in leicht abgewandelter Form seit der Antike. Die 48 ptolemäischen Sternbilder (nach Claudius Ptolemäus um das Jahr 100) bilden das ‚Basis-Set‘.

Neu hinzugekommen sind vor allem Sternbilder des Südhimmels.
Die antiken Völker, vornehmlich Griechen, aber auch ältere Kulturen, wie Ägypter, die Kulturen an Euphrat und Tigris bzw. am Indus konnten schließlich nicht an den südlichen Sternenhimmel blicken; diese ‚modernen Sternbilder‘ wurden erst in den letzten Jahrhunderten ‚erschaffen‘.

‚Erschaffen‘ ist ein treffendes Wort, denn sie sind nicht mit Geschichten oder Mythen verknüpft, wie die der „alten Griechen“. Sie wurden vielmehr völlig frei von wenigen Personen am Himmel platziert, die damit unterschiedliche Zwecke verfolgten. Ein anderes zutreffendes Wort wäre ‚erfunden‘.

Dies trifft allerdings nicht nur auf alle Sternbilder des Südhimmels zu, sondern auch auf einige des Nordhimmels.
Eine dieser ‚Neuerfindungen‘ der ‚modernen Sternbilder‘ ist das Sternbild Lacerta, die Eidechse.
Wobei „neu“ nach über 300 Jahren nun auch nicht mehr mit „gestern“ verwechselt werden kann.

Wenn Dir nicht ganz klar ist, was genau der Begriff „Sternbild“ bedeutet und wie er sich von einem Sternlinien-Muster unterscheidet, dann schau mal in die Box.
Danach gehts weiter mit der Eidechse und ihrer Entstehung.


Von Himmelsregionen und Linienmustern
Sternbilder und Asterismen

 

Möchte man den Unterschied zwischen Sternbild und Linienmuster ganz kurz erklären, reichen zwei Sätze:

1. Der Begriff „Sternbild“ bezeichnet eine Himmelsregion oder eine scheinbare ‚Fläche am Himmel‘. Kein Sternenmuster!
2. Ein Linienmuster zwischen Sternen heißt Asterismus.

Warum ist das so?

Im allgemeinen Sprachgebrauch ist ein Sternbild noch immer und ganz selbstverständlich ein Linienmuster zwischen Sternen. Bekannt ist „der große Wagen“, bei dem in Gedanken vier Sterne zu einem Wagenkasten und 3 Sterne zu einer Deichsel verbunden werden.

So wurden Sternbilder auch die meiste Zeit begriffen, wobei der große Wagen selber niemals ein Sternbild war, sondern nur ein Teil des Sternbilds Ursa major, der großen Bärin.

Im Zuge der astronomischen Forschung, der Weiterentwicklung der Astronomie, weg von der mystischen Astrologie hin zu einer echten Wissenschaft, dienten Sternbilder vor allem einem Zweck:
Einer Ortsangabe.
Man konnte also sagen: „Der von mir beobachtete Doppelstern befindet sich im Sternbild „Ursa major“, 3° nördlich des Sterns xyz“.
Wo allerdings ein Sternbild (das ja bisher vor allem ein Linienmuster war) genau endete und wo das nächste begann, war nicht wirklich klar.

Im Jahre 1928 wurde daher von der internationalen astronomischen Union (IAU) der gesamte Sternenhimmel eingeteilt. Seitdem gibt es 88 Sternbilder, die nun keine Linienmuster mehr sind.
Vielmehr ist ein Sternbild nun ein Gebiet mit festen Grenzen.
Man hat – so lässt es sich am einfachsten vorstellen – den gesamten Himmel auf einer flachen „Landkarte“ abgebildet und dann mit einem Lineal Linien als Grenzen zwischen den 88 Regionen gezogen.

Somit bleibt festzuhalten:
Ein Sternbild ist eine klar umrissene Region. Oder, denkt man sich den Sternenhimmel wie eine Landkarte, dann ist ein Sternbild eine abgegrenzte Fläche.
Somit ist für jeden Stern klar festzustellen, in welchem Sternbild(feld) er sich befindet.

Und die Sternbildmuster?
Die sind, wie schon immer, nicht festgelegt. Jeder kann Sterne in Gedanken mit Linien verbinden. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Und so ein Sternbildmuster heißt eben Asterismus.

Der große Wagen ist ein Asterismus, kein Sternbild. Er ist gleichzeitig Teil des größeren Asterismus ‚große Bärin‘ und befindet sich im Feld des Sternbilds „Ursa Major“/Große Bärin.

Es gibt eine Menge bekannter Asterismen, die niemals Sternbilder waren. 88 der in der Vergangenheit genutzten Asterismen haben es allerdings in den Reigen der modernen Sternbilder (Himmelsregionen) geschafft.

*Als letzte Anmerkung:
Selbstverständlich hatten und haben andere Kulturen ihre eigenen Sternbilder, ihre eigenen Mythen und Geschichten. Egal, ob dies der chinesische Kulturraum ist, die vielfältigen Kulturen Afrikas, die ursprünglichen Bewohner Australiens und alle anderen.
Diese Sternbilder und Mythen sind genauso wertvoll, richtig und schön wie ‚unsere‘.
Es ist jedoch so, ohne das jetzt zu bewerten, dass ‚unsere‘ Betrachtung kalt wissenschaftlich betrachtet, international zum Standard wurde. Weltweit nutzen Astronomen ‚unsere‘ Sternbezeichnungen und ‚unsere‘ Sternbilder.
Bei manchen meiner Sternbildbeschreibungen findet sich auch eine Anmerkung zu anderen Mythen – im Regelfall betrachte ich jedoch vorwiegend die uns aus der Antike überlieferten Mythen und die modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse.
Dennoch ist es richtig, sich für einen Moment zu erinnern, dass der Sternenhimmel auch ganz anders und dennoch richtig betrachtet werden kann.

Zurück zur Eidechse und ihrer Entstehung

Im Zuge der Himmelskartierung (siehe hierzu auch den ersten Beitrag der Artikelserie zu Deep-Sky-Katalogen und ihrer Entstehung) unternahmen viele Gelehrte Versuche, neue Sternbilder einzuführen; kaum eines davon wurde dauerhaft anerkannt.
Die, die es bis heute geschafft haben, befinden sich fast ausnahmslos am Südhimmel.

Ebenso gab es Versuche, die vorhandenen Sternbilder umzubenennen. Ihnen wurden christliche Namen gegeben oder wissenschaftliche. Personen, meist Adlige, sollten am Himmel verewigt werden und allerlei mehr oder weniger verrückte Ideen wurden vorgetragen, wie denn Sternbilder heißen und wo sie sich befinden sollten.

Im Zuge dieser „Himmelsein- oder aufteilung“ wurden auch die in der Antike nicht „befüllten“ Regionen zwischen den klassischen Sternbildern betrachtet:
Da war ja noch Platz, um dem jeweiligen Herrscher oder Gegenstand (in Wahrheit aber sich selber) bis in alle Ewigkeit ein Denkmal zu setzen. Dass es einen guten Grund hatte, dass sich dort keine Sternbilder befanden (vornehmlich die Tatsache, dass keine hellen Sterne als Muster ins Auge springen), wurde dabei gewissendlich übersehen.

So entstanden die ulkigsten Sternbilder: Das Kreuz Christi, das Schweißtuch Christi, die Karlseiche, das Zepter Brandenburgs, die Elektrisiermaschine…
Umbenannt wurden z.B. der kleine Wagen (in Erzengel Michael) oder der Orion (in den heiligen Josef).
(Luftpumpe und chemischer Ofen bestehen bis heute als offizielle Sternbilder)

Auch im Gebiet zwischen den klassischen Sternbildern Schwan und Andromeda wurden mehrere Versuche unternommen:
Der Franzose Augustin Royer erdachte 1697 zu Ehren des Sonnenkönigs Ludwig XIV das Sternbild „Königliches Zepter“. Johann Elert Bode im Jahr 1787 „Friedrichs Ehre“, um dem preußischen König Friedrich (dem Großen) zu huldigen.
(Bode hat übrigens mit „Bodes Galaxie“ = M81 einen Platz am Himmel gefunden; vorgestellt im zweiten Teil der Artikelserie zu Deep-Sky-Katalogen.)

Durchgesetzt hat sich allerdings die 1687 für eine schwache Sternenkette eingeführte Bezeichnung Lacerta, die Eidechse.
Verantwortlich dafür ist Johannes Hevelius. Er war sich aber selbst nicht ganz sicher, wie er dieses neue Sternbild nennen wollte. Mal bezeichnete er es als Eidechse, an anderen Stellen nutzte er die Bezeichnung Wassermolch (Stellio).

Ganz persönlich könnte ich mit „Zepter“ irgendwie leben und fände „Wassermolch“ großartig.
Es würde mir schon Freude bereiten, im Folgenden die Deep-Sky-Objekte des Wassermolchs vorzustellen. 😉
Bei der endgültigen Einteilung des Himmels in die (im obigen Kasten angesprochenen) 88 IAO-Sternbilder (-felder) fand jedoch Lacerta dauerhaft ihren Platz.
Und daher folgen nun die Hinweise zum Auffinden, zum Fotografieren und die Besprechung einiger Deep-Sky-Objekte im Sternbild Eidechse (und nicht im Wassermolch 😉 ).

Canon 550Da – 50 mm

Das Sternbild Lacerta – Die Eidechse am Himmel finden

Ich muss ehrlich gestehen: Leicht fällt es mir nicht, die Eidechse am Himmel zu sehen.
Mir ist zwar völlig klar, wo sie sich befindet, ich kann die Region sofort mit den Augen erfassen und dennoch benötige ich jedes Mal eine vergleichsweise lange Zeit, bis ich die einzelnen Sterne erkenne und sie in Gedanken mit Linien verbinden kann.

Eigentlich auch kein Wunder, denn so richtig helle und deutlich  hervorstechende Sterne gibt es im Feld der Eidechse nicht.
Ihr Kopf verliert sich im Sternengewirr der Milchstraße Richtung Kepheus und Schwan und auch zum Schwanz hin gibt es keinen Stern, der absolut eindeutig ins Auge springen würde.
Das war in der Antike nicht anders und ist wohl mit der Grund, warum sich dort keines der klassichen ptolemäischen 48 Sternbilder findet.

Dennoch kann man die Eidechse selbstverständlich finden und die Sterne in Gedanken mit Linien zu einem Muster verbinden. Im Vergleich zu vielen anderen, eigentlich den meisten Sternbildern, erinnert hier der Asterismus tatsächlich an eine Eidechse.
(Zumindest so, wie ich ihn einzeichne. In Stellarium z.B. gibt es keinen „Eidechsenkörper“, sondern nur eine Linie zwischen zwei Sternen. Aber wie gesagt: Die Asterismen sind nicht festgelegt und meinen finde ich einfach besser: Echse ohne Körper geht doch nicht?!)

Das Schaubild unterhalb zeigt (m)eine Aufsuchkarte:
Der für mich einfachste Weg führt von hinten heran. Also aus den dunkleren Regionen abseits der Milchstraße:
Schritt 1:
a) Ich blicke zum Schwan, folge dem Flügel hinab über die drei Sterne und gelange dann zu einer Region, in der ich die beiden „Endsterne“ der Pegasusbeine deutlich erkenne.
b) Und/oder ich starte bei Scheat und folge den beiden Sternketten hinauf zu den „Pegasusfüßen“.
Schritt 2:
In beiden Fällen finde ich links daneben dann zwei weitere Sterne (1 und 6 Lac), die den Schwanz der Eidechse markieren. Die sind noch recht deutlich zu sehen und dienen mir beim Ausrichten der Kamera als erste Referenz.
Der Körper und Kopf der Eidechse gehen in dem Sternengewimmel des Milchstraßenrandes fast oder ganz unter. Aber der Abgleich mit Sternkarten und ein Testbild haben noch immer zum Ziel geführt.

Der unten besprochene Echsennebel findet sich übrigens recht genau unterhalb einer gedachten Linie zwischen 1 und 6 Lac.

Wie man eine Kamera ohne GoTo auf unsichtbare Himmelsobjekte ausrichtet, habe ich in einem eigenen Artikel besprochen: „Einfaches Star-Hopping für Anfänger

Hier ungefähr derselbe Himmelsabschnitt mit 50 mm. Die Wegweiser ‚Schwanenflügel‘ und ‚Pegasusbeine‘ sind rechts gut zu erkennen.
Die bekannten Objekte Sh 2-131 (Kepheus mit dem enthaltenen Elefantenrüssel IC1396) und Sh 2-117 (Schwan, bekannt auch als Nordamerikanebel NGC7000) geben weitere Orientierung.

Widefield rund um die Eidechse
Canon 6Da – Samyang 50 mm – rund eine Stunde Belichtungszeit – Minitrack LX3

Objekte

Mit einer riesigen Anzahl an Deep-Sky-Objekten kann die Eidechse wahrlich nicht glänzen; die findet man eher weiter ‚oben‘, also im Schwan und Kepheus.
Eigentlich ist die Eidechse eher was für visuelle Beobachter, die Sternhaufen lieben oder auch Fotografen mit etwas längeren Brennweiten, ab etwa 1000 mm; denn Sternhaufen gibt es schon so einige.

Dennoch gibt es ein Nebelgebiet, besser einen Nebelkomplex, der bei mir schon vor einigen Jahren die Aufmerksamkeit erweckt hat.
Ein selten fotografiertes und visuell nicht wahrnehmbares, aber geradezu riesiges Nebelfeld, abseits der Milchstraße in der „Schwanzregion“ der Eidechse.
Dieses wunderschöne und sehr lohnenswerte Gebiet möchte ich hier genauer vorstellen und Bilder mit verschiedenen Brennweiten zeigen.
Doch zuvor folgen der Vollständigkeit halber die Sternhaufen.

Sternhaufen

Sternhaufen gibt es so einige. Zwei sind sogar relativ groß.
Wer M36 und M38 im Fuhrmann kennt, bekommt ungefähr eine Ahnung, wie ausgedehnt sie sind.
Allerdings sind sie eher locker aufgebaut und daher bei weitem nicht so eindrucksvoll.

Stehen dem Fotografen (oder Beobachter) große Brennweiten zur Verfügung, so findet sich im Feld der Eidechse so einiges.

Mit meinem komme ich allerdings nicht besonders nah ran.
Dennoch habe ich versucht, zwei von ihnen abzulichten.
Dies sind die größten und lohnenswertesten:
NGC 7209 und 7243, die beide von W. Herschel im Herbst 1788 entdeckt und beschrieben wurden. (Sie finden sich ebenso in den Cr. und Mel. Sternhaufen-Katalogen)

Beide Bilder wurden in einer ‚Schleierwolken-Nacht‘ fotografiert und enthalten jeweils rund 50 x 90 Sekunden bei 450 mm (2x Crop)

NGC 7209 – Cr 444, Mel 238

NGC 7209 ist wahrscheinlich auf relativ vielen Bildern zu finden. Er befindet sich direkt ‚unterhalb‘ des wunderschönen Kokon-Nebels (IC5146, Sh 2-125, Sternbild Schwan).

Fotografisch lohnt er sich als Einzelobjekt erst mit längeren Brennweiten, wie meine Aufnahme mit 450 mm (2x-Crop = 900 mm Vollformat-Äquivalenz) zeigt.
Gleichzeitig handelt es sich um einen der beiden ‚großen‘ Sternhaufen im Sternbild Eidechse; sein scheinbarer Durchmesser entspricht ungefähr der des Mondes.

NGC 7243 – Cr 448, Mel 240

Hier gilt dasselbe wie beim zuvor genannten Sternhaufen. NGC 7243 ist ähnlich locker aufgebaut und hat einen vergleichbaren scheinbaren Durchmesser.

NGC 7245 – Cr 449, Mel 241

Stehen lange Brennweiten zur Verfügung, so ist ein Foto von NGC 7245 wahrscheinlich das spannendste, wenn man die Sternhaufen im Feld der Eidechse betrachtet.
Denn hier findet sich direkt daneben ein zweiter kleiner Haufen (K9), der sich farblich deutlich abhebt.
Relativ nah, auch bei langen Brennweiten noch mit im Bildfeld, liegt dann IC1442, der „Dritte im Bunde“.

Mir ist ein Bild dieses Dreigespanns nicht sinnvoll möglich; zu klein erscheinen sie.

Sharpless 126 und umgebende Dunkelnebel
Der 10-Lac-Komplex

Sharpless 126 – Der Echsen-Nebel
Canon 6Da – Samyang 135 mm – 17,6 Stunden
HIER (Klick für neues Tab) gibt es eine ausführliche Beschreibung zur aufwändigen Bildentstehung.
Und HIER (Klick für neues Tab) gibt es das Bild in ganz groß

Einen ‚richtigen‘ Namen hat dieser Nebel nicht; oder eben doch. Man findet ihn als Nummer 126 im Sharpless Katalog und (aufgeteilt in mehrere Teilobjekte) im LBN.
Die gesamte Region könnte man auch als ’10 Lac Komplex‘ bezeichnen, unter Bezugnahme auf den Stern ’10 Lac‘, der die Hauptstrahlungsquelle darstellt.
Eine fehlende Bezeichnung (neben der Katalognummerierung) ist zwar nicht ungewöhnlich, aber eigentlich hätte ein so spannendes und großes Objekt einen eigenen Trivialnamen verdient.

Darf ich also vorstellen: Der Wassermolch-Nebel (Stellion-Nebula).
Nein?
Ok. Ein weiterer Versuch.
Darf ich also vorstellen: Der Echsen-Nebel (Lizard-Nebula)

Folgender Satz klingt doch ganz gut, oder?
„Der Echsen-Nebel ist ein großflächiges, leuchtschwaches, unregelmäßig geformtes Ha-Gebiet und Teil des 10-Lac-Komplexes im Sternbild Lacerta/Eidechse.“

Astronomisches

So richtig viel und vor allem tiefgehendes zu den astronomischen oder auch chemisch-physikalischen Hintergründen dieses Nebels oder Nebel-Komplexes kann ich hier nicht schreiben.
Ich hab‘ zwar ein paar englische Forschungsarbeiten überflogen, um ein paar interessante Fakten rund um dieses Gebiet zu finden (denn in der ’normalen‘ Internetliteratur gibt es absolut nichts), aber allzutief hab‘ ich mich nicht eingearbeitet.
Kennst Du Dich also schon recht gut mit Dunkelnebeln, Staubgebieten, interstellarer Materie und der Sternenentstehung aus, so wirst Du hier nicht viel neues entdecken.
Für alle anderen versuche ich mal ein paar interessante Dinge zu beschreiben; vor allem das, was auf meinen Fotos zu sehen ist. (Die Infos aus den Studien lasse ich weg; sie passen hier einfach nicht dazu.)
Ich wähle dabei eine allgemeinverständliche Sprache:

Grundsätzlich sieht man dort riesige, viele (hunderte) Lichtjahre große „Staubwolken“. Dieser Staub findet sich überall in unserer Milchstraße.
Es handelt sich dabei um das, was übrig bleibt, wenn Sterne explodieren, sozusagen Sternenstaub.
Dieser Staub ist das Ende eines Sternenlebens, aber auch der Anfang neuer Sterne. Denn das Werden und Vergehen von Sternen ist ein Kreislauf und dieser beginnt immer in solchen Staubwolken.

Also ist das, was wir auf dem Bild sehen, „kosmischer Sternenstaub“. Bezeichnet wird sowas auch als Dunkelnebel, Dunkelwolken, IFN (Integrated Flux Nebula) oder ISM (Interstellare Materie).
Und zwar immer dann, wenn dieser Staub nicht ‚farbig leuchtet‘.
(Dazu gleich mehr.)

Wie zu sehen ist, handelt es sich um wolkenartige Gebilde. Der Staub ist also nicht mehr gleichmäßig verteilt, sondern hat sich (u.a. aufgrund der Gravitation) im Raum an einigen Stellen zusammengeballt.
Diese Staubwolken können nun in einigen Bereichen immer dichter und dichter werden; so dicht, dass sie unter ihrer eigenen Anziehungskraft ‚punktuell‘ kollabieren. Geschieht das, so zünden Sterne.

Wir sehen hier also nicht nur einfachen Staub oder Staubwolken, sondern gleichzeitig auch ein aktives Sternentstehungsgebiet.


Wie Du sehen kannst, haben die Staubstukturen unterschiedliche Farben.
Der meiste Staub ist relativ farblos oder schwach rötlich-grau/lachsfarben.
Der herausragende Bereich in der Mitte des Bildes leuchtet jedoch rötlich (und genau dieser Teil trägt die Bezeichnung Sh 2-126).

Es ist dabei aber nicht etwa ‚anderer Staub‘, sondern genau ‚dasselbe Zeug‘.
Der Farbunterschied hat eine andere Ursache:
Grundsätzlich leuchtet der ganze Staub im All, die ganze interstellare Materie nicht. Da sie aber nicht schwarz ist, reflektiert sie das Licht der Sterne.
(Ganz genauso wie unser Mond. Der leuchtet ja nicht selber, wie es ein Stern macht. Tatsächlich ist unser Mond sehr dunkel, sein Material ist fast schwarz! Aber eben nicht ganz und daher kann er das Licht unserer Sonne reflektieren.)
Und weil Sterne im Durchschnitt ungefähr weißes Licht ausstrahlen, reflektiert der Sternenstaub eben dieses weißliche Licht. Er erscheint daher auf Fotos relativ grau.

Nicht so der rote Bereich (also eigentlich schon, aber das schwache reflektierte Licht wird überstrahlt).
Dort, in dem roten Bereich Sh 2-126 gibt es eine sehr starke Strahlungsquelle.
Das ist der helle Stern 10 Lac.
Sein Licht, seine Strahlung, regt den Staub so stark an (ionisiert ihn), dass der Staub von sich aus zu leuchten beginnt.

Ein gewichtiger Unterschied:
Die grauen Staubgebiete reflektieren nur das Licht aller Sterne, rote Nebelgebiete hingegen leuchten von sich aus.


So – bevor das hier nun zu lang wird, beende ich diesen kleinen Ausflug und fasse zusammen:
Das Foto zeigt dicht geballte Strukturen interstellarer Materie und gleichzeitig ein aktives Sternentstehungsgebiet.
Die meisten Staubstrukturen reflektieren nur ganz schwach das Sternenlicht (darum muss man auch so irre lange belichten). Der zentrale rote Bereich hingegen ist ionisierter Staub (vor allem Wasserstoff), der von sich aus leuchtet. Dies ist ein Emissions-Nebel.



Fotografie des Echsennebels

Eines muss klar sein: Mehr als 200 bis maximal 300 mm sind zu viel. Und das wohlgemerkt auf einen Vollformat-Sensor bezogen. Am Crop-Sensor sind 200 mm schon arg knapp und 135 mm besser geeignet.
„Richtige“ Astrokameras mit ihren kleinen oder winzigen Sensorgrößen müssten mit 100 oder 85 mm bestückt werden, um zumindest den zentralen Wasserstoffnebel Sharpless 126 ins Bildfeld einzupassen.

Der Wassermolch-Nebel ist zwar recht leuchtschwach und erfordert viele Stunden Belichtungszeit. Aber: Das Sternbild Eidechse ist fast zirkumpolar (oder ist es je nach Standort) und vor allem im Spätsommer und Herbst in den dann wieder langen Nächten hoch am Himmel.
Man kann also ganz gemütlich über mehrere Nächte sammeln und/oder das mit einem zweiten Objekt kombinieren, indem man je eine halbe Nacht für eines der beiden investiert. So kommt keine Langeweile auf und man hat nach einigen langen Herbstnächten zwei Bilder zum Entwickeln.

Je nach Equipment (hier vor allem Lichtstärke der Optik und Empfindlichkeit/Lichtausbeute der Kamera) sollte man mindestens 10 Stunden einplanen und vergleichsweise lange Einzelbelichtungszeiten anstreben.
Die besten Ergebnisse wird man wohl mit einer (Mono-)Kamera mit hoher Quanteneffizienz und geeigneten Filtern (Ha, RGB) erzielen.
Wie meine Beispiele zeigen, sind jedoch (gerade mit kurzen Brennweiten an guten DSLRs) auch recht schnell Übersichtsaufnahmen möglich. Und mit Ausdauer (in meinem Fall knapp bzw. über 20 Stunden) ebenso schon recht detaillierte Bilder ganz ohne „Astrocam“.

Zum Abschluss zeige ich hier noch ein Bild dieser Region.
Das obige war mit 135 mm fotografiert, dieses hier mit 200.
Fotografiert habe ich es in insgesamt 7 Nächten (in kurzen im Hochsommer und dann nochmals im Herbst).
Die Aufnahmen entstanden ohne Platesolving mittels einer Mischung aus GoTo und Star-Hopping.
Daher wurde die Region in jeder Nacht etwas anders getroffen und somit ist das finale Bild beschnitten und entspricht eher 300 als 200 mm.

Sharpless 126 – Der Echsen-Nebel – Sh 2-126
Canon 6Da – Canon 200 mm
18,9 h RGB (180 Sek, 300 Sek Einzelbilder)
+ 30% 24,5 h HA (300 und 360 Sek Einzelbilder)

Freundliches Schlusswort

Da sind wir nun also am Ende angekommen, liebe Leserin, lieber Leser.
Vermutlich wird es die meisten hier her verschlagen, weil sie Informationen zu Sh 2-126, dem Echsennebel, suchen. Das war schließlich auch für mich das Objekt, das mich veranlasst hat, dieses unscheinbare Sternbild etwas genauer zu betrachten.
Daher hoffe ich nun, dass die gesuchte Information für Dich dabei war und Du es interessant fandest, sogar ein bisschen mehr zu erfahren; gerade bei einer relativ unbekannten Region wie der Eidechse (aka dem Wassermolch 😉 ).

Wenn Du jetzt Lust bekommen hast, Dich in der Umgebung unserer Echse umzusehen, so empfehle ich gerne meine Beschreibungen zu den Nachbarsternbildern Schwan, Andromeda und Kepheus.
Bei all diesen gibt es dann auch wieder klassische Sagen des Altertums und eine weitaus größere Anzahl spannender Objekte.

Ganz allgemein würde ich Dich gerne einladen, noch ein wenig auf meiner Website zu stöbern; hier gibt es vieles zu entdecken. Das Menü oben ermöglicht einen direkten Zugriff, die Sitemap listet (fast) alle Artikel auf.
Möchtest Du (schriftlich und virtuell) eine Foto-Nacht mit mir verbringen, so empfehle ich unter der Sektion ‚News‘ diverse Erfahrungsberichte und ‚Foto-Nacht-Beschreibungen‘ der letzten Jahre. Gerade da finden sich auch immer wieder spannende Bilder und Einblicke in die Freuden und Widrigkeiten der Astrofotografie.

Ansonsten komm mich doch gerne bei Facebook, Instagram oder auf Youtube besuchen, wenn Du magst.

Zuletzt wünsche ich Dir viel Freude, vor allem aber Erfolg und Durchhaltevermögen bei Deinem Versuch, den Echsennebel zu fotografieren.
Wenn es Dir gelingt, so freue ich mich, wenn Du mir Dein Bild zukommen lässt. Danke!

Hinterlasse einen Kommentar

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu.
Bei der Nutzung dieser Seite werden ggf. Daten erhoben und gespeichert.
Durch die Nutzung dieser Seite wird erklärt, dass die (Datenschutzrichtlinie) gelesen und verstanden wurde. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen